Wenn Verstöße unbemerkt bleiben: Wie das Monitoring Schutz der Religions- und Weltanschauungsfreiheit zur Sicherheit gefährdeter Gemeinschaften in Nigeria beiträgt
In Nigeria beginnen Verletzungen der Religions- oder Weltanschauungsfreiheit nicht unbedingt mit Gewalt. Manchmal beginnen sie ganz leise, in einem Klassenzimmer, auf einem Dorfplatz oder in einem Viertel, wo eine Gemeinschaft langsam und schmerzlich erkennt, dass ihre religiösen Stätten in Gefahr sind.
Einem Schüler wird aufgrund seines Namens eine Chance verwehrt. Einer Frau wird vorgeschrieben, was sie tragen darf und was nicht. Ein junger Mensch verbirgt seine Identität, um Ablehnung zu vermeiden. Eine Familie entscheidet sich für Stillschweigen, weil es zu riskant erscheint, sich zu äußern. Eine Gemeinschaft wird daran gehindert, eine Gebetsstätte zu errichten. Mit der Zeit vermitteln diese Erfahrungen eine klare Botschaft: Manche Rechte sind an Bedingungen geknüpft, und manche Stimmen haben weniger Gewicht.
Diese Erfahrungen bleiben oft undokumentiert. Sie werden im Privaten ertragen, wegdiskutiert oder in den Alltag integriert, als seien sie der Normalzustand. Genau das macht die Kontrolle der Religions- und Weltanschauungsfreiheit so wichtig. Bevor Institutionen reagieren können, bevor die Politik einen möglichen Wandel ins Auge fasst, müssen Verstöße zunächst dokumentiert, verstanden und ernst genommen werden. Ohne Dokumentation kann es keine Rechenschaftspflicht, keine fundierte politische Reaktion und keine sinnvollen Bemühungen zum Wiederaufbau von Vertrauen geben. Diese Situation zeigt sich in einer der größten und komplexesten Gesellschaften Afrikas. Schätzungen zufolge belief sich die Bevölkerung Nigerias im Jahr 2024 auf 232,7 Millionen Menschen, verteilt auf 36 Bundesstaaten, das Hauptstadtterritorium und fast 800 lokale Verwaltungsbezirke. Fragen der religiösen Identität und Zugehörigkeit haben ein spürbares nationales Gewicht. Da die aktuellen Zahlen auf Schätzungen aus Umfragen basieren, hat Nigeria keine aktuelle offizielle Aufschlüsselung der Volkszählung nach Religionen veröffentlicht. Auf der Grundlage von Daten der nigerianischen Demografie- und Gesundheitserhebung schätzt das Pew Research Center, dass 56,1 Prozent der nigerianischen Bevölkerung muslimisch sind, während 43,4 Prozent christlichen Glaubens sind und 0,6 Prozent anderen Religionsgemeinschaften angehören. Diese Vielfalt ist eine der prägenden Stärken Nigerias, doch dort, wo Rechte ungleichmäßig geschützt werden, kann sie auch zu einer Konfliktlinie werden.
Dies ist die Prämisse eines von KAICIID unterstützten Projekts, das in Zusammenarbeit mit der Nationalen Menschenrechtskommission Nigerias (NHRC), dem Kukah Centre (TKC) – einer christlichen Glaubensgemeinschaft, und der Nasrul-Lahi-il Fathi Society (NASFAT), einer muslimischen Glaubensgemeinschaft, durchgeführt wird, um einen Mechanismus zum Monitoring von Verletzungen der Religions- und Weltanschauungsfreiheit in Gebieten einzurichten, in denen religiöse Minderheiten diskriminiert werden. Im Kern geht es bei dem Projekt nicht nur darum, Beweise zu sammeln. Es geht darum, sicherzustellen, dass Menschen, deren Erfahrungsberichte oft ignoriert werden, nicht länger unsichtbar bleiben.
Die Initiative hat bislang zwei Phasen durchlaufen. In der ersten Phase, die 2024 abgeschlossen wurde, wurden sechs nigerianische Bundesstaaten – Kano, Sokoto, Plateau, Edo, Ebonyi und Osun – untersucht, um Muster der Straftaten, die sie begünstigenden Umstände sowie Lücken im Bereich des Schutzes zu ermitteln. In der zweiten Phase wurde von einer allgemeinen Bestandsaufnahme zu einer evidenzbasierten Überwachung tatsächlicher Verstöße in zwei Bundesstaaten übergegangen: Kano im Norden und Ebonyi im Süden. Mit einem praxisorientierten Ansatz stützte sich die Überwachung auf Interviews mit wichtigen Informanten, Fragebögen, Medienberichte und dokumentierte Vorfälle, um Ursachen, Folgen, ergriffene Maßnahmen und Ergebnisse zu untersuchen.
Was sich in der Erhebungsphase in den sechs Bundesstaaten abzeichnete, war kein Phänomen, das sich auf eine bestimmte Religion oder Region beschränkte. Vielmehr ergab sich ein umfassendes Bild davon, wie religiöse Unterschiede, wenn sie politisiert oder unzureichend gehandhabt werden, zu einem Grund für Diskriminierung, Ausgrenzung und Angst werden können.
In Kano zeigten die Ergebnisse sowohl interreligiöse als auch intrareligiöse Spannungen auf. Christliche Minderheiten berichteten von Hindernissen beim Zugang zu öffentlichen Ämtern und Infrastruktur sowie beim Thema Religionsfreiheit, während interne Spaltungen zwischen sunnitischen und schiitischen Gruppen zudem aufzeigten, wie es auch innerhalb religiöser Gemeinschaften selbst zu Verstößen kommen kann. Für einige Befragte ging es nicht nur um offene Feindseligkeit, sondern um die tiefere, strukturelle Realität der Ausgrenzung, in der sich Angehörige von Minderheiten von öffentlichen Chancen und Gleichbehandlung abgeschnitten fühlten.
In Ebonyi war das Bild anders, aber ebenso gravierend. Muslimische Minderheiten berichteten von Druck, sich kulturellen Praktiken anzupassen, die im Widerspruch zu ihrem Glauben stehen, von Einschränkungen bei der Ausübung ihrer Religion, von Feindseligkeit gegenüber sichtbaren religiösen Identitätsmerkmalen und in einigen Fällen von Gewalt. Ein Zeitzeugenbericht schilderte die Zerstörung einer Moschee in Awutu-Eda im Jahr 2021 während einer Phase erhöhter Spannungen. Andere Berichte spiegelten stillere, aber zutiefst verletzende Formen der Diskriminierung wider, darunter den Druck, die eigene Religion zu verbergen, um von der Familie oder der Gemeinschaft akzeptiert zu werden.
Was diese Fallstudien so aussagekräftig macht, ist nicht nur die Schwere einzelner Vorfälle, sondern das Muster, das sie offenbaren. Diese Fälle veranschaulichen, dass Verstöße nicht auf Gewalttaten beschränkt sind. Sie treten auch in alltäglichen Situationen auf, wenn Einzelpersonen Chancen verwehrt werden, sozialem Druck ausgesetzt sind oder gezwungen werden, ihre Identität zu verleugnen. Solche Muster unterstreichen die Notwendigkeit, über sichtbare Vorfälle hinauszuschauen und die zugrunde liegenden Ungleichheiten anzugehen.
Hier kommt dem Ansatz des Projekts entscheidende Bedeutung zu. Durch die Zusammenarbeit mit lokalen religiösen Einrichtungen und Partnern ist eine Struktur entstanden, die sowohl glaubwürdig als auch praxisorientiert ist. Das Kukah Centre und die Nasrul-Lahi-il Fathi Society wurden aufgrund ihrer zentralen Rolle innerhalb der christlichen bzw. muslimischen Gemeinschaften ausgewählt, während die Nationale Menschenrechtskommission einen institutionellen Weg für die Dokumentation von Verstößen, die Erstellung von Berichten und die Erarbeitung politischer Empfehlungen für staatliche Akteure bietet. Diese Struktur ist wichtig, da Monitoring allein nicht ausreicht. Die Erkenntnisse müssen mit Institutionen verknüpft werden, die darauf reagieren können. Die Überwachung führt zur Konzeption gemeinschaftsbasierter Maßnahmen und kann in die Politikgestaltung einfließen. Für gefährdete Gemeinschaften liegt der Unterschied zwischen Schweigen und Schutz oft darin, ob es einen glaubwürdigen Mechanismus gibt, der in der Lage ist, ihre Anliegen anzuhören, zu dokumentieren und in die Politik sowie in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Die nächsten Schritte der Umsetzung hängen von der Einbindung der Gemeinschaften und der Politik ab. Die erarbeitete solide Faktengrundlage wird konkrete Maßnahmen in den Bundesstaaten Ebonyi und Kano prägen.
Die nächste Wirkungsebene liegt in den Maßnahmen, die nach der Überwachung folgen: von den Auswirkungen auf Gemeindeebene bis hin zu maßgeschneiderten Einschaltungen im Radio, die bereits gesendet wurden, um das Bewusstsein zu schärfen. Politische Kurzberichte, Überzeugungsarbeit bei einzelnen und institutionellen Interessengruppen auf Landes- und Bundesebene sowie Bürgerversammlungen werden die Ergebnisse der Öffentlichkeit vermitteln. Der Wert des Projekts endet nicht mit der Feststellung von Verstößen. Er liegt vielmehr darin, zum Aufbau eines Umfelds beizutragen, in dem diese Verstöße früher erkannt, offener diskutiert und systematischer bekämpft werden.
In einem so großen und komplexen Land wie Nigeria mit seiner religiösen Vielfalt, seiner ethnischen Pluralität und seiner von Spannungen geprägten Geschichte kann keine einzelne Maßnahme das Problem der religiösen Diskriminierung lösen. Doch dieses Projekt zeigt, dass eine glaubwürdige, lokal verankertes Monitoring die Grundlage für etwas Wesentliches schaffen kann: ein realistischeres öffentliches Verständnis dafür, wo Verstöße auftreten, wer am stärksten gefährdet ist und welche Maßnahmen erforderlich sind, um diese Vorfälle zu verhindern.
Was dieses Projekt so bedeutsam macht, ist, dass es nicht mehr nur Verstöße dokumentiert, sondern dazu beiträgt, die Voraussetzungen für deren Prävention zu schaffen. Dies steht im Mittelpunkt der Arbeit, die KAICIID seit seiner Gründung leistet, und die sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt. Die Kompetenzen, die bei religiösen Führerinnen und Führern, glaubensbasierten Organisationen, interreligiösen Gruppen sowie Regierungsstellen aufgebaut wurden, haben das Verständnis für die Religions- und Weltanschauungsfreiheit gestärkt, die religiöse Bildung verbessert und die Bedeutung von Toleranz in einer religiös vielfältigen Gesellschaft unterstrichen. Durch die Sensibilisierungskampagne im Radio und die nächsten Schritte im Rahmen der Einbindung von Policy Briefs trägt das Projekt dazu bei, ein Nigeria zu gestalten, das sensibler für Verletzungen der Religions- und Weltanschauungsfreiheit ist, bereit ist, diesen entgegenzutreten, und besser gerüstet ist, die Rechte und die Würde aller Gemeinschaften zu schützen.
Sensibilisierung der Öffentlichkeit über das Radio
Im Rahmen der breit angelegten Öffentlichkeitsarbeit des Projekts nutzten die Partner auch das Radio, um die Botschaft der Religions- und Weltanschauungsfreiheit über die Institutionen hinaus in den Alltag der Menschen zu tragen. Der folgende Spot wurde entwickelt, um das Bewusstsein zu schärfen, Toleranz zu fördern und zu einem gemeinsamen Engagement für ein friedliches Zusammenleben anzuregen.
Nigeria ist ein Land der Vielfalt und voller Stolz,
in dem über 200 Millionen Menschen leben,
mit 250 ethnischen Gruppen
und 400 Sprachen.
Wir haben eine wunderschöne und reiche Kultur,
Doch trotz unseres Reichtums stehen wir vor einer Bewährungsprobe,
Verletzung der Religionsfreiheit und Unruhen.
Boko Haram und ISWAP verbreiten Angst und Hass.
Wir müssen zusammenstehen und einen inklusiveren Staat schaffen.
Wir brauchen Rechtsreformen, interreligiösen Dialog und internationale Zusammenarbeit, um diesen Weg zu gehen.
Lasst uns Toleranz und Respekt für alle fördern.
Unabhängig von Glauben oder Herkunft halten wir zusammen.
Nigeria, ein Land der Hoffnung und Einheit,
wo Religionsfreiheit das Recht für dich und mich ist.
Lasst uns gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiten,
für ein Nigeria, in dem alle in Frieden und Harmonie gedeihen können.
Diese Botschaft wird von der Nationalen Menschenrechtskommission in Zusammenarbeit mit TKC und KAICIID veröffentlicht.
Konferenzprotokoll des von KAICIID und WRI in Kigali gemeinsam veranstalteten Gipfeltreffens zu…
