An der wegweisenden IDFP-Friedenskonferenz in Abuja nahmen Glaubensgemeinschaften sowie christliche und muslimische Führungspersönlichkeiten teil. Sie stellten eine neue Initiative vor, die im Vorfeld der Wahlen 2027 in Nigeria zu einer neuen Kultur verantwortungsbewusster Meinungsäußerung, praktischer Zusammenarbeit und friedlicher Koexistenz aufruft.
Christliche und muslimische Führerinnen und Führer aus ganz Nigeria versammelten sich in Abuja, um den überarbeiteten Interreligiösen Verhaltenskodex (ICoC) vorzustellen – ein gemeinsames Rahmenwerk, das darauf abzielt, Hassrede entgegenzuwirken, das friedliche Zusammenleben zu stärken und den nationalen Zusammenhalt zu fördern. Die Vorstellung fand im Rahmen der Abuja-Friedenskonferenz und der 8. Generalversammlung des Interreligiösen Dialogforums für Frieden (IDFP) unter dem Motto „Hassrede und Gewalt: Die Rolle staatlicher und nichtstaatlicher Akteure beim Aufbau der Nation“ statt. Die Konferenz brachte religiöse Führungspersönlichkeiten, Vertreter der Regierung, Fachleute für Friedensförderung, zivilgesellschaftliche Organisationen, Journalisten sowie Vertreterinnen und Vertreter von Frauen, Jugendlichen und lokalen Gemeinschaften zusammen. Die Präsentation war Teil einer umfassenderen Diskussion über die Verantwortung staatlicher und nichtstaatlicher Akteure bei der Bekämpfung von Hassrede und Gewalt als Bedrohungen für den Frieden, die demokratische Konsolidierung und den Nation-Building-Prozess.
Neben der offiziellen Vorstellung des Verhaltenskodexes befassten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der aktuellen Lage in Nigeria und erörterten, wie der Kodex genutzt werden kann, um gefährlichen Narrativen, Spaltungen und aufkommenden Konfliktrisiken entgegenzuwirken.
„Der Verhaltenskodex darf kein Dokument sein, das in einer Schublade landet. Er muss zu einer lebendigen Verpflichtung werden. Er muss unsere Worte beeinflussen, unser Handeln leiten und unsere Führungsrolle prägen.“
Reverend Abainitus Akila Haman Jr., Co-Vorsitzender des Interreligiösen Dialogforums für Frieden (IDFP)
Das IDFP veranstaltete die Friedenskonferenz von Abuja in Zusammenarbeit mit der Christian Association of Nigeria (CAN), dem Nigerian Supreme Council for Islamic Affairs (NSCIA) und dem Institute for Peace and Conflict Resolution (IPCR) sowie mit finanzieller Unterstützung und Förderung durch das König Abdullah Bin Abdulaziz Internationale Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog – KAICIID. Die Konferenz stellte eine wichtige und dringende Frage in den Mittelpunkt der Diskussion: Was geschieht, wenn Worte nicht mehr nur Worte sind, sondern zu Instrumenten der Ausgrenzung, Manipulation und Gewalt werden?
In der Eröffnungsrede, der Podiumsdiskussion und den Beiträgen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kristallisierte sich eine klare Botschaft heraus: Hassrede ist nicht einfach nur beleidigende oder unbedachte Sprache. Sie kann als Propaganda wirken, die Diskriminierung normalisiert, Einzelpersonen und Gemeinschaften entmenschlicht, Gewalt legitimiert und nach und nach die Bindungen schwächt, die eine vielfältige Gesellschaft zusammenhalten.
Professor Abubakar Sadeeque Abba von der Universität Abuja, Hauptredner der Veranstaltung, warnte davor, dass Hassrede als Mittel zur Erlangung politischer, wirtschaftlicher und sozialer Vorteile instrumentalisiert werde. Er beschrieb, wie ethnisches Profiling, religiöse Intoleranz, Verleumdung und Angriffe auf Gemeinschaften Misstrauen schüren, Gruppen gegeneinander aufbringen und die Voraussetzungen schaffen können, unter denen Gewalt möglich wird.
Dieses Risiko ist besonders hoch, da Nigeria auf Wahlen im Jahr 2027 zusteuert. Die Anwesenden stellten fest, dass politische Akteure ohne glaubwürdige Programme oder überzeugende Ideen möglicherweise auf ethnische, religiöse, regionale oder geschlechtsspezifische Narrative zurückgreifen, um Aufmerksamkeit zu erregen und Anhänger zu mobilisieren. Die Konferenz forderte, dass sich der politische Wettbewerb wieder auf Politik, Wahlprogramme und öffentliche Dienstleistungen konzentrieren solle – und nicht auf hetzerische Rhetorik, persönliche Angriffe oder Aufwiegelung.
Die Podiumsdiskussion thematisierte auch jene, deren Erfahrungen in öffentlichen Darstellungen politischer Gewalt oft unberücksichtigt bleiben. Khadijah Hawaja Gambo hob die „unsichtbaren Opfer“ hervor, zu denen vor allem Frauen und Mädchen zählen. Der Schaden beginnt und endet nicht mit körperlichen Übergriffen: Wiederholte feindselige Narrative können Diskriminierung verstärken, Frauen im öffentlichen Leben zum Schweigen bringen und Verhaltensmuster etablieren, die Einschüchterung und Gewalt als normal erscheinen lassen.
Frauen, die in die Politik, in Führungspositionen oder ins Berufsleben einsteigen, werden häufig als Bedrohung dargestellt und sind Verleumdungen, Drohungen und geschlechtsspezifischen Übergriffen ausgesetzt. Viele Vorfälle werden nicht gemeldet, nur unzureichend untersucht oder nicht strafrechtlich verfolgt. Ein Fall, bei dem eine Beauftragte für Frauenangelegenheiten Berichten zufolge während eines Wahlkampfauftritts getötet wurde, wurde angeführt, um zu veranschaulichen, wie Gewalt gegen Frauen im politischen Raum nur begrenzte Aufmerksamkeit und Rechenschaftspflicht erhält.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer forderten daher mehr Schutz für Frauen in der Politik, effektivere Ermittlungen und Strafverfolgung sowie gezielte Maßnahmen, um sicherzustellen, dass Frauen in die Politik gehen und an Wahlen teilnehmen können, ohne für ihre Sichtbarkeit oder Führungsrolle bestraft zu werden.
Eine immer wieder geäußerte Sorge war, dass Institutionen oft erst reagieren, wenn sich gefährliche Inhalte bereits weit verbreitet haben. Faktenchecks bleiben unverzichtbar, doch die Runde forderte Medien, öffentliche Institutionen, die Zivilgesellschaft und religiöse Akteurinnen und Akteure nachdrücklich auf, von einem weitgehend reaktiven Modell zu einer proaktiven Kommunikation überzugehen: spaltende Narrative frühzeitig zu erkennen, die ihnen zugrunde liegenden Annahmen zu hinterfragen und glaubwürdige Alternativen anzubieten, bevor sich Hass im öffentlichen Diskurs festsetzt.
Medien wurden dazu ermutigt, Verfahren zur Eindämmung der Verbreitung solcher Inhalte einzuführen. Das bedeutet nicht, wichtige Informationen zu verbergen, sondern provokative Äußerungen im Kontext zu berichten, unnötige Wiederholungen zu vermeiden und sicherzustellen, dass provokative Stimmen die öffentliche Debatte nicht dominieren, nur weil Empörung Aufmerksamkeit erregt. Schulungen in Friedensjournalismus, konfliktsensibler Berichterstattung und verantwortungsvoller Wahlberichterstattung wurden als unmittelbare Priorität identifiziert.
Die gleiche Verantwortung gilt auch für Nutzerinnen und Nutzer sozialer Medien sowie Influencerinnen und Influencer. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wiesen darauf hin, dass Online-Akteure angeworben oder bezahlt werden könnten, um polarisierende Inhalte zu verbreiten. Die Konferenz schlug daher vor, die Regeln der Transparenzpflicht für Präsidentschaftskandidatinnen und -kandidaten sowie Parteivorsitzende auch auf Wahlkampfteams, religiöse und gesellschaftliche Führungskräfte, Persönlichkeiten aus den Medien sowie digitale Influencerinnen und Influencer auszuweiten.
Die Diskussion machte eines deutlich: Der Kodex muss über eine symbolische Verpflichtung hinausgehen und zu einem praktischen Instrument für religiöse Führerinnen und Führer, Institutionen und Gemeinschaften werden. Die Vorstellung des Kodex ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur interreligiösen Friedensförderung in Nigeria, doch die Teilnehmenden waren sich einig, dass die Einführung erst der Anfang ist. Die nächste Phase erfordert die Verbreitung, Schulungen, die Umsetzung auf Gemeindeebene sowie ein nachhaltiges Engagement auf nationaler, bundesstaatlicher und lokaler Ebene.
IPCR-Generaldirektor Dr. Joseph Ochogwu, hauptverantwortlicher Gutachter des Kodex, bezeichnete diesen als wichtige Maßnahme zur Friedensförderung, die in der Lage sei, verantwortungsbewusstes öffentliches Verhalten in allen Religionsgemeinschaften zu prägen. Er mahnte, der Kodex dürfe kein Dokument der Elite sein, das nur in Sitzungssälen diskutiert werde. Dr. Ochogwu erklärte, das Dokument stärke verfassungsrechtliche Werte wie Gerechtigkeit, Mitgefühl, Integrität und gegenseitigen Respekt und biete gleichzeitig praktische Orientierungshilfen für religiöse Führer sowohl im öffentlichen als auch im privaten Handeln.
„Der Verhaltenskodex darf kein Dokument sein, das in einer Schublade landet. Er muss zu einer lebendigen Verpflichtung werden. Er muss unsere Worte beeinflussen, unser Handeln leiten und unsere Führungsrolle prägen.“
Reverend Abainitus Akila Haman Jr., Co-Vorsitzender des Interreligiösen Dialogforums für Frieden (IDFP)
Die Anwesenden forderten, dass der Kodex in Kirchen, Moscheen, Schulen, traditionellen Institutionen, Medienorganisationen, kommunalen Plattformen und relevanten Regierungsbehörden verbreitet wird. Sie empfahlen außerdem stärkere Frühwarn- und Reaktionssysteme, Mediale Mechanismen zur Eindämmung von Hassrede, Instrumente zum Vergleich politischer Programme für Wählende, einen besseren Schutz für Frauen im öffentlichen Leben sowie umfassendere Verpflichtungen zu Transparenz für Akteure, die Wahlen und den öffentlichen Diskurs beeinflussen.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nannten verschiedene Möglichkeiten, die Grundsätze des Kodex im Alltag zu verankern, unter anderem durch Predigten, Dialog in der Gemeinschaft, die Einbindung der Medien, Friedenserziehung, öffentliche Kommunikation sowie Initiativen unter der Leitung von Frauen und jungen Menschen.
Der Interreligiöse Verhaltenskodex (ICoC), der im Rahmen eines von Nigeria geleiteten interreligiösen Prozesses entwickelt wurde, legt zehn Grundwerte für das Zusammenwirken von christlichen und muslimischen Gemeinschaften fest.
Der Kodex dient den religiösen Führern als Leitfaden für ihre Predigten, öffentlichen Äußerungen, ihren Umgang mit den Medien, ihre Reaktionen auf Konflikte sowie ihren Umgang mit Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen und Hintergründe.
„Für uns bei KAICIID ist dieser Moment von großer Bedeutung. Seit der Gründung des Interreligiösen Dialogforums für den Frieden im Jahr 2015 hatten wir das Privileg, nigerianische religiöse Führerinnen und Führer auf einem Weg zu begleiten, der immer wieder zeigt, dass Dialog ein Akt des Mutes ist.“
Botschafter António de Almeida-Ribeiro, amtierender Generalsekretär von KAICIID.
Gemeinsam mit dem IDFP und seinen Partnern wird KAICIID die Bemühungen weiterhin unterstützen, den Kodex durch Schulungen, Dialog in den Gemeinden, die Einbindung der Medien und Partnernetzwerke in die Praxis umzusetzen. Das Ziel besteht nicht lediglich darin, verletzende Äußerungen zu reduzieren, sondern jene Gewohnheiten und Institutionen zu stärken, die es Nigerias Bevölkerung ermöglichen, unterschiedlicher Meinung zu sein, ohne einander zu entmenschlichen – und eine Nation aufzubauen, in der Vielfalt als Teil einer gemeinsamen Zukunft geschützt wird.
Seine Grundsätze gelten zudem in einem weiteren Kontext. Medienschaffende, zivilgesellschaftliche Organisationen, staatliche Institutionen, Lehrkräfte, traditionelle Führer, Jugendgruppen, Frauennetzwerke, Friedensstifter und kommunale Organisationen beeinflussen alle, wie religiöse Gemeinschaften einander verstehen und miteinander umgehen.
Der Kodex hilft Medienschaffenden beim sorgfältigen und verantwortungsvollen Umgang mit religiösen Themen. Er fordert Journalistinnen und Kommentatoren dazu auf, vorurteilsbehaftete Darstellungen zu vermeiden, Stereotypen zu hinterfragen und zu bedenken, inwiefern Berichterstattung Spannungen entweder abbauen oder verschärfen kann.
„Dieser Kodex spricht die Basis unserer gemeinsamen Menschlichkeit an. Er erinnert uns daran, dass jeder Mensch Würde besitzt“, fügte ein UNESCO-Sprecher hinzu, der die Präsentation unterstützte.
Vertreterinnen und Vertreter der UNESCO verwiesen bei der Vorstellung zudem auf die wichtige Rolle, die institutionelle Unterstützung dabei spielt, sicherzustellen, dass der Kodex nun in die Praxis umgesetzt wird, und erklärten: „Wir waren Teil dieses Prozesses, in dessen Rahmen wir am UN-Sitz in Abuja einen Workshop veranstaltet haben, bei dem religiöse Führungspersönlichkeiten zusammenkamen, um den Kodex zu prüfen und seine Anwendung zu erörtern. Wir bekennen uns weiterhin zur Zusammenarbeit mit IDFP und KAICIID.“